Als Kind in Ametlla de Mar - damals ein kaum bekanntes, und schon gar nicht touristisch erschlossenes Fischerdorf - war mein Lieblingsplatz der Hafen.
Alte, faltige Männer, mit strohigem Haar, dunklen Augen und brauner gegerbter Haut, knüpften geschickt und geduldig ihre Fischernetze für die Nacht oder den nächsten Morgen. Überall der Geruch von Dieselöl, Fisch und Seewasser, vermischt mit dem lauen Wind der spanischen Südküste. Unter meinen Füßen, die von der Abendsonne gewärmte Mole, vor mir die schaukelnden Boote und Fischkutter im trüben, öligen Hafenwasser. Wenn diese Boote Geschichten erzählen könnten, man würde ihnen Stunden lang zuhören wollen. Verschwiegen schaukeln sie stolz, eines neben dem anderen. Man sieht nur an ihren Narben - dem abblätternden Lack, den Spuren von Stößen und den Kratzern von Fels - wie lange sie bereits ihren Dienst leisten.Die meisten dieser Boote haben Jahrzehnte überstanden, Stürme überwunden und Flauten ertragen. Nichts davon hat sie zerstört. Auch die prallsten Netze und besten Fänge haben nichts verändert - sie sind immer die gleichen knarrenden Kameraden der Fischer, pflichtbewusst und stur. Angst kennen sie längst nicht mehr. Alles Scheitern, jeder Sieg, ist nicht von Dauer - nichts passiert, nichts davon ist für die Ewigkeit, außer ein paar Narben auf der hölzernen Haut. Hoffentlich werde auch ich gleichmütig wie diese Boote meine Last tragen, meine Stürme durchfahren und meine Flauten überdauern. Meine Siege sollen wie die Siege dieser Boote sein: Schweigend und mit Stolz getragen, ihrer Vergänglichkeit angepasst.

Bunte Pfützen

Oktober 21, 2007

Überall riecht es nach Mensch, kein angenehmer Geruch - kein angenehmes Tier, dieser Mensch. Der Geruch des Mädchens neben mir ist schon erträglicher - wie ein ganzer Fruchtkorb duftet sie. Sie trägt italienisches Haar. Die Tropfen des Herbstes seilen sich an unsichtbaren Fäden entlang der Fenster ab. Die Farben des Oktobers lassen sich trotz der Dämmerung das Leuchten nicht verbieten. Die Wochen verdampfen. Einfach so.
Fluchende Menschen auf den Straßen. “Scheiß Justiz! Verdammte, scheiß Justitia!” - Willkommen im Irrenhaus. Ich stehe vor duftenden Brotbergen und bin einen Augenblick dankbar, dass ich mir all dieses Brot kaufen könnte, wenn ich es wollte. Das goldene Licht der Backstube hinter mir, inmitten der Eiligen. Gott hat die natürliche Auslese vergessen, flüstere ich in mich hinein. Mein Blick zersticht die Welt um mich herum.

Tief atme ich den holzigen Geruch des kalten Herbstlaubs ein. Es gibt die richtigen Plätze für mich. So wie der, an dem man die Schiffe vorbeifahren sehen kann. Von wo man die Flugzeuge hört. An zuviel Schönheit bin ich festgewachsen, als das ich all dies hier hassen könnte. Zuviel Wärme hüllt mich ein, als das ich kalt sein könnte. Zuviel Hitze ist in mir, als das mir das alles hier gleichgültig sein könnte. Manchmal muss ich mich mit Luft besaufen, um das Leben wieder verschlingen zu können. Für mich ist der Herbst immer ein Aufbruch, die fauligen Blätter zu meinen Füßen ein rot-grüner Flickenteppich. Wie bunte Pfützen.

Der Fußgänger

Oktober 5, 2007

Der Fußgänger schreitet, er läuft nicht. Sein Gehen ist keiner Eile unterworfen. Zumindest so wie ich ihn begreife, ist er ein Lustwandler. Inmitten oder eben auch abseits der eiligen Masse nimmt er sich die Zeit für Reflexion, genießt den Blick auf die Details, nimmt mit allen Sinnen wahr.

Er hat kein direktes Ziel, und eben dies macht den Fußgänger frei in der Wahl seines Weges und frei in der Wahl seines Tempos. Kein Ziel, das eine bestimmte Wegstrecke erzwingt; kein Gerät, das ein Minimum an Geschwindigkeit notwendig macht. Der Fußgänger wandelt also in Freiheit - der Freiheit über die Zeit genauso wie der Freiheit über den Raum. Er ist ein freier Mensch.

So frei wie sein Gang, so frei sind seine Gedanken. Einfach an Nichts denken - auch das ist Freiheit - kann er genauso, wie über die Dinge nachdenken oder sich in Tagträumereien zu ergeben. Er allein entscheidet. Ein freier Mensch - frei in seinen Gedanken.

Der Fußgänger ist auch ein Beobachter. Er schaut hin, lässt die Eindrücke auf sich wirken, übersieht nichts, was er nicht übersehen will.
Seine Sinne sind geschärft, durch nichts vernebelt. Er fühlt Stein, Sand und Asphalt unter seinen Füßen. Er sieht die Farben der Welt, riecht ihre Gerüche. Nichts trübt seine Aufmerksamkeit. Frei ist er, mit allen Sinnen. Ein Müßiggänger.

Ein freier Mensch. In aufgelöster Zeit; im Meer der Freiheit aller denkbaren Gedanken.

Das Denken

September 27, 2007

Welche Last eines Geschenks das Denken doch ist.

Dieser freie Moment zwischen Schlaf und Erwachen. Viel zu kurz.
Kein Denken, nur taubes, leeres Erleben in diesem Vakuum zwischen Traum und Gedankenflut.

Langsam beginnen sich die Kolben zu bewegen, bis sie schnell und wütend im Takt stampfen.
Das Wummern beginnt, begleitet vom Zischen der Rohre.
Wie ein große Maschine - bis zur Nachtschicht unbarmherzig eingeschaltet.
Unaufhörliches Hämmern, elektrisches Surren entlang aller Drähte,
wie ein Schwarm wilder Wespen.

Ich kann nicht aufhören zu denken.
Eine Gedankenwoge nach der anderen. Keine Pause, keine Ebbe.
Welch’ Gabe das Denken ist, und welch’ Fluch zugleich.
Wie viel unerkanntes Glück doch jene mit sich herumtragen,
die nicht denken.
Es ist so viel leichter.

Bewegungslos

September 26, 2007

Sonne und Wolken, Regen und endlose Bläue ziehen über mich hinweg, marschieren wie sture Soldaten unbeirrt weiter. Die ganze Geschäftigkeit der Welt rauscht an mir vorbei. Ich sitze hier, starre stumm auf all die Bewegung um mich. Das Treiben macht mich ganz nervös, bläst schwere Luft in mich hinein. Wie graue Gischt sprüht der Zigarettenrauch aus meinem Mund, löst sich auf. Auch das hilft nicht.
Alles verschwimmt. Nicht Begonnenes wird liegen gelassen, Ungedachtes fallen gelassen. Die Gedanken, müde skizziert und einsam an eine Wand geheftet, verschwinden wieder und wieder. Irgendetwas, irgendjemand reißt sie einfach fort. Nichts lässt sich festhalten. Das endlose Weiß vor mir schreit nach schwarzer Tätowierung. Doch die Bilder die ich male, verwischen in milchigem Grau, bis sie vollends verschwunden sind. Das Blatt ist wieder weiß, die Wand wieder kahl, und der Himmel über mir zieht lautlos in die Schlacht. Ich sitze hier, rauchend, immer noch vollkommen bewegungslos.

Veränderung

September 25, 2007

Veränderung ist eine Phase, die dem eigenen Seelenleben recht gut tut. Manchmal sind es nur ganz banale Dinge, die wir verändern wollen. Dinge vor denen wir keine Angst haben müssen. Ein kleiner Kuraufenthalt für die Seele sozusagen, raus aus der Alltäglichkeit. Das Renovieren der eigenen Wohnung; das Umstellen von Möbeln; sich einfach nur neu einkleiden. Wir geben dem ganzen einen neuen Anstrich, und fühlen uns plötzlich selbst verändert, optimistischer, gut gelaunt und lebensfroh. Manchmal muss das Gewohnte verändert werden, damit man in der Eintönigkeit nicht versinkt. Irgendwie ist das ein Verkleiden, aber es tut gut.

Manche Veränderungen ängstigen uns, schüchtern uns ein und wir tun uns schwer diesen neuen Weg zu gehen. Dabei ist es vermutlich unvermeidbar, denn Stillstand kann sich niemand leisten. Stillstand nebelt uns ein. Wir verlieren unsere Instinkte und jegliche Leidenschaft verkümmert schleichend. Veränderung heißt auch Wachstum. Wir wachsen an einer neuen Herausforderung; erleiden gegebenenfalls eine Niederlage und gewinnen neue Erkenntnisse. Sicher sind Veränderungen eine Fehlerquelle, und niemand will sich gerne eingestehen einen Fehler gemacht zu haben, wenn er was verändern wollte. Und dennoch, tun wir es nicht; wagen wir nicht den Sprung ins Neue und Ungewisse, verlernen wir das Springen. Und wenn man nicht mehr springen kann, dann läuft man Gefahr unterzugehen, wenn das Schiff auf dem man steht plötzlich sinkt.

Veränderungen beleben oder wiederbeleben, neue Möglichkeiten werden geschaffen, andere Blickwinkel erzeugt. Sie zwingen uns unser Potenzial auszuschöpfen, aktivieren unsere Stärken. Das ganze Leben besteht aus Veränderung, und wenn wir ein lebendiges Glied in diesem natürlichen Kreislauf sein wollen, müssen wir auch neue Wege beschreiten können.

Fantasie

September 24, 2007

Wir lachen in Lachsäcke hinein, bei der Rasur von Kokosnüssen; kämmen Wellen; zählen Sandkörner und freuen uns auf den abendlichen Gummiball. Wird ne runde Sache. Wir werden Schaumkronen tragen und Lichterketten mit Sektperlen anlegen. Es wird ein berauschendes Fest, ganz weich und locker. Wir fahren mit Windrädern über die Milchstraße, schnuppern an Sternschnuppen, vorbei an kosmisch-komischen Kometen. Wir sitzen in Baumwipfeln und beschriften die Blätter; zupfen uns Zuckerwatte aus den Wolken; strahlen mit der Sonne um die Wette. Wir sausen die Regenbogenrutschbahn hinab; spielen Grashüpfen, Scheinwerfen und Rumkugeln. Wir begrünen das Grün und erröten vom Rot; trinken aus Lichtquellen und atmen sauren Stoff. Wir kleben Marken auf Brieftaschen; lassen es Schirme regnen und kegeln mit Liebeskugeln. Unser Leben ist Fantasie.

Der Sturm

September 23, 2007

Lautlos haben sie sich, von ängstlichen Augen unbemerkt, aufgetürmt. In schwerem Grau scheinen sie die Welt zu erdrücken. Wie dunkle Kathedralen, gewaltig und noch stumm, rücken sie näher. Der Wind erstarrt ehrfurchtsvoll und verliert seinen Ton. Vögel verharren lautlos, ahnend, dessen was da kommen wird.

 

Eine friedvolle Stille breitet sich aus, wie schweigender Nebel. Gelblich schimmert die Wolkenarmee, wie böser Fackelschein. Immer neue Legionen rücken auf - in graue, in schwarze Gewänder gehüllt. Erste vorsichtige Regentropfen bilden die Vorhut.

 

Blätter, Zweige, Papier, aufgewirbelt tanzt alles still umher. Der Wind gewinnt an Stimme, wird gewalttätiger. Äste wirbeln durch die Luft, der Tag verdunkelt sich. Alles wird in Schatten getaucht. Brodelndes Donnern von weit her. Ein warnendes, wütendes Grollen der Ur-Kraft.

 

Häuser, Straßen, Wälder - alles verfinstert sich in einem kurzen Augenblick. Peitschender, wuchtiger Wind bläst alles umher, kämpft sture Bäume nieder, ringt zäh mit jedem Widerstand.
Wilde Blitze zucken in der Ferne, eskortiert von gewaltigem Donner.

 

Dann entlädt es sich, mit all seiner Wucht. Das Gewitter. Macht jeden gleich. Mächtige werden machtlos, Starke werden schwach - unter diesem dunkelsten aller Himmel ist ein jeder nur noch Mensch.

 

Prasselnder Regen spült alles hinfort. Die Wolken entladen ihre kühle Fracht, spülen die Straßen, duschen die Häuser, wässern die Wälder. Zuckende Lichter; elektrischer Sturm, begleitet von krachenden Trommelschlägen.

 

Alles Falsche wird hinfort gespült. Überflüssiges rauscht in wilden Sturzbächen durch Kanäle und verschwindet. Jede Lüge hat sich versteckt, jedes Unrecht verharrt. Alle Falschheit weggetragen durch unbarmherzige Winde, jeder Betrug wird ertränkt. Einen Moment lang ist alles echt, in wütender Wucht.
Der Sturm legt sich. Das himmlische Wasser flaut ab. Das Grollen verstummt, das Flackern der Blitze erlischt. Das Licht des Tages ist zurück, beleuchtet das Schlachtfeld. Alles ist bereinigt.

 

Kühler, reiner Duft steigt auf. Stille kehrt ein. Versöhnlich, fast beschämt.
Die letzten Soldatentropfen fallen, wissend ob ihres kurzen Triumphs. Für einen Moment noch, ist alles still. Ist alles rein und befreit.