Der Sturm

September 23, 2007

Lautlos haben sie sich, von ängstlichen Augen unbemerkt, aufgetürmt. In schwerem Grau scheinen sie die Welt zu erdrücken. Wie dunkle Kathedralen, gewaltig und noch stumm, rücken sie näher. Der Wind erstarrt ehrfurchtsvoll und verliert seinen Ton. Vögel verharren lautlos, ahnend, dessen was da kommen wird.

 

Eine friedvolle Stille breitet sich aus, wie schweigender Nebel. Gelblich schimmert die Wolkenarmee, wie böser Fackelschein. Immer neue Legionen rücken auf - in graue, in schwarze Gewänder gehüllt. Erste vorsichtige Regentropfen bilden die Vorhut.

 

Blätter, Zweige, Papier, aufgewirbelt tanzt alles still umher. Der Wind gewinnt an Stimme, wird gewalttätiger. Äste wirbeln durch die Luft, der Tag verdunkelt sich. Alles wird in Schatten getaucht. Brodelndes Donnern von weit her. Ein warnendes, wütendes Grollen der Ur-Kraft.

 

Häuser, Straßen, Wälder - alles verfinstert sich in einem kurzen Augenblick. Peitschender, wuchtiger Wind bläst alles umher, kämpft sture Bäume nieder, ringt zäh mit jedem Widerstand.
Wilde Blitze zucken in der Ferne, eskortiert von gewaltigem Donner.

 

Dann entlädt es sich, mit all seiner Wucht. Das Gewitter. Macht jeden gleich. Mächtige werden machtlos, Starke werden schwach - unter diesem dunkelsten aller Himmel ist ein jeder nur noch Mensch.

 

Prasselnder Regen spült alles hinfort. Die Wolken entladen ihre kühle Fracht, spülen die Straßen, duschen die Häuser, wässern die Wälder. Zuckende Lichter; elektrischer Sturm, begleitet von krachenden Trommelschlägen.

 

Alles Falsche wird hinfort gespült. Überflüssiges rauscht in wilden Sturzbächen durch Kanäle und verschwindet. Jede Lüge hat sich versteckt, jedes Unrecht verharrt. Alle Falschheit weggetragen durch unbarmherzige Winde, jeder Betrug wird ertränkt. Einen Moment lang ist alles echt, in wütender Wucht.
Der Sturm legt sich. Das himmlische Wasser flaut ab. Das Grollen verstummt, das Flackern der Blitze erlischt. Das Licht des Tages ist zurück, beleuchtet das Schlachtfeld. Alles ist bereinigt.

 

Kühler, reiner Duft steigt auf. Stille kehrt ein. Versöhnlich, fast beschämt.
Die letzten Soldatentropfen fallen, wissend ob ihres kurzen Triumphs. Für einen Moment noch, ist alles still. Ist alles rein und befreit.

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