Bunte Pfützen

Oktober 21, 2007

Überall riecht es nach Mensch, kein angenehmer Geruch - kein angenehmes Tier, dieser Mensch. Der Geruch des Mädchens neben mir ist schon erträglicher - wie ein ganzer Fruchtkorb duftet sie. Sie trägt italienisches Haar. Die Tropfen des Herbstes seilen sich an unsichtbaren Fäden entlang der Fenster ab. Die Farben des Oktobers lassen sich trotz der Dämmerung das Leuchten nicht verbieten. Die Wochen verdampfen. Einfach so.
Fluchende Menschen auf den Straßen. “Scheiß Justiz! Verdammte, scheiß Justitia!” - Willkommen im Irrenhaus. Ich stehe vor duftenden Brotbergen und bin einen Augenblick dankbar, dass ich mir all dieses Brot kaufen könnte, wenn ich es wollte. Das goldene Licht der Backstube hinter mir, inmitten der Eiligen. Gott hat die natürliche Auslese vergessen, flüstere ich in mich hinein. Mein Blick zersticht die Welt um mich herum.

Tief atme ich den holzigen Geruch des kalten Herbstlaubs ein. Es gibt die richtigen Plätze für mich. So wie der, an dem man die Schiffe vorbeifahren sehen kann. Von wo man die Flugzeuge hört. An zuviel Schönheit bin ich festgewachsen, als das ich all dies hier hassen könnte. Zuviel Wärme hüllt mich ein, als das ich kalt sein könnte. Zuviel Hitze ist in mir, als das mir das alles hier gleichgültig sein könnte. Manchmal muss ich mich mit Luft besaufen, um das Leben wieder verschlingen zu können. Für mich ist der Herbst immer ein Aufbruch, die fauligen Blätter zu meinen Füßen ein rot-grüner Flickenteppich. Wie bunte Pfützen.

Der Fußgänger

Oktober 5, 2007

Der Fußgänger schreitet, er läuft nicht. Sein Gehen ist keiner Eile unterworfen. Zumindest so wie ich ihn begreife, ist er ein Lustwandler. Inmitten oder eben auch abseits der eiligen Masse nimmt er sich die Zeit für Reflexion, genießt den Blick auf die Details, nimmt mit allen Sinnen wahr.

Er hat kein direktes Ziel, und eben dies macht den Fußgänger frei in der Wahl seines Weges und frei in der Wahl seines Tempos. Kein Ziel, das eine bestimmte Wegstrecke erzwingt; kein Gerät, das ein Minimum an Geschwindigkeit notwendig macht. Der Fußgänger wandelt also in Freiheit - der Freiheit über die Zeit genauso wie der Freiheit über den Raum. Er ist ein freier Mensch.

So frei wie sein Gang, so frei sind seine Gedanken. Einfach an Nichts denken - auch das ist Freiheit - kann er genauso, wie über die Dinge nachdenken oder sich in Tagträumereien zu ergeben. Er allein entscheidet. Ein freier Mensch - frei in seinen Gedanken.

Der Fußgänger ist auch ein Beobachter. Er schaut hin, lässt die Eindrücke auf sich wirken, übersieht nichts, was er nicht übersehen will.
Seine Sinne sind geschärft, durch nichts vernebelt. Er fühlt Stein, Sand und Asphalt unter seinen Füßen. Er sieht die Farben der Welt, riecht ihre Gerüche. Nichts trübt seine Aufmerksamkeit. Frei ist er, mit allen Sinnen. Ein Müßiggänger.

Ein freier Mensch. In aufgelöster Zeit; im Meer der Freiheit aller denkbaren Gedanken.